[Wilhelmine von Auersperg]: Puppen-Memoiren. [Ohne Ort, Privatdruck, 1865]. Farbig lithographierter Titel, 57 Seiten. Halbleinenband der Zeit mit goldgeprägtem Rückentitel. 15 x 23,5 cm.
Erste und einzige Ausgabe. Über KVK / OCLC kein Exemplar weltweit in Bibliotheken nachweisbar. – Im Staatlichen Regionalarchiv in Zámrsk (Tschechien), befindet sich im Familienarchiv derer von Auersperg ein Druck mit dem Titel „Puppen-Memoiren“, der 1865 datiert ist (vgl. Vídeňská, S. 236). – Die Verfasserin Wilhelmine Josephine Adelaide Fürstin von Auersperg, geb. Gräfin von Colloredo-Mannsfeld (1826-1898) hatte mit ihrem Ehemann, dem österreichischen Hofbeamten und Politiker Vincenz Karl Fürst von Auersperg (1812-1867) sechs Kinder. Wie aus dem Vorwort hervorgeht, ließ Prinzessin Wilhelmine das Buch für ihre Tochter Marie Gabrielle Eleonore (1855–1933) als Beschreibung ihrer eigenen Kinderspiele veröffentlichen. Es handelt sich dabei um den Abdruck einer spielerischen Korrespondenz zwischen Wilhelmine und ihrer Freundin und Cousine Lotti (d.i. Marie Caroline (Charlotte) Kinsky von Wichnitz und Tettau, 1826–1842) aus den Jahren 1835–1839, die sich die beiden Mädchen im Namen ihrer Puppen (genannt „Gräfin Szapary“ und „Fürstin Bordial“) untereinander und an fiktive Personen geschrieben hatten. Die Absicht Prinzessin Wilhelmines dabei war, „den Mädchensinn“ ihrer zehnjährigen Tochter „zu wecken“: „Längst schon versprach ich Dir, mein geliebtes Kind, Dir eine genaue Beschreibung meiner Puppenspiele zusammen zu schreiben (...), um dich in Allem zur Nachahmung aufzufordern, indem Du in andern Verhältnissen als ich, lebst, keine eigentliche kleine Gespielin hast, mit Deinen Brüdern beinahe Knabenspiele mitmachst, (…) und um dir zu zeigen, wie man mit Puppen ein ganzes kleines Leben, eine Geschichte zusammenstellen kann.“ – Einzelheiten zum Inhalt des Buches bleiben noch zu erforschen, doch allem Anschein nach steht der Text in der Tradition des im 19. Jahrhundert verbreiteten Genres der „Puppengeschichten“ (engl. doll stories), die als ein Bestandteil der „Schwarzen Pädagogik“ zu betrachten sind. Die damals besonders in Europa und in den USA populären Geschichten sollten in manipulativer Weise auf die Erziehung von Mädchen einwirken: „Puppen dienten nicht nur dem Zeitvertreib, sondern wurden als Erziehungsmittel instrumentalisiert, indem sie die Mädchen in ihrer Rolle als Puppenmütter schon sehr früh an entsprechende Rollenbilder und erwünschte Verhaltensweisen heranführen sollten. Vor allem die beliebten Puppen-Memoiren hatten die Funktion, erzieherisch auf das Verhalten von Mädchen einzuwirken und ihnen gleichsam einen Spiegel vorzuhalten. Die Puppe übernimmt als „Spionin“ in diesen Büchern gleichsam die Überwachungsaufgabe der Mutter bzw. Gouvernante (…): Weil Puppen die Augen niemals schließen, können sie bei Tag und Nacht ihre Puppenmütter beobachten und deren falsches Verhalten bloßstellen. Die damit einhergehende Botschaft, dass Mädchen gleichsam von „unsichtbaren Augen“ umgeben und folglich einer ständigen Kontrolle unterworfen sind, legt der weiblichen Leserschaft nahe, sich selbst – auch bei Abwesenheit von Erziehungsinstanzen – zu kontrollieren, weil ihre Vergehen oder bösen Handlungen von den Puppen verraten werden könnten. Dieser durchaus bedrohliche, wenn nicht sogar gruselige Aspekt der Puppengeschichte war als Disziplinarmaßnahme zweifellos beabsichtigt“ (vgl. Möhrmann, S. 48f.). – Auf dem Titelblatt findet sich lediglich der Schriftzug „Puppen-Memoiren“ in Golddruck, umrahmt von silbernen Ornamenten, ohne weitere Angaben. Am Rande erwähnt Constantin Ritter von Wurzbach das Buch in seinem BLKÖ-Artikel „Zur Genealogie der Grafen Szapáry“ als „im Druck und Verlag der Wiener Mechitaristen-Congregation“ erschienen. In deren im Jahr 1898 erschienen Verlagsverzeichnis (Verzeichniss der Verlagsbücher der Mechitharisten-Congregation in Wien) ist es jedoch nicht aufgeführt, weshalb es als Privatdruck einzustufen ist. – Provenienz: Mit handschriftlicher Widmung der Verfasserin auf dem vorderen Vorsatz: „Meinen Auersperg Madln geschenkt am 20 Jänner 1891 / Gßmama Wilhelmine“. Handel, Österreich. – Einbandkanten etwas berieben. Innen stellenweise minimal fleckig. Sonst tadellos. – Vgl. Denisa Vídeňská, Malí aristokraté život ve šlechtické rodině v 19. století očima dítěte, S. 236. Vgl. Renate Möhrmann (Hrsg.): rebellisch verzweifelt infam. Das böse Mädchen als ästhetische Figur, S. 48f. – Poisonous pedagogy camouflaged as a harmless doll story: Unrecorded private print of a children's book by Wilhelmine von Auersperg (dedication copy).
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Sachgebiete: Kinderbücher, Pädagogik, Widmungsexemplare
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