Poetischer Trichter, Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der Lateinischen Sprache, in VI. Stunden einzugiessen. Erster (und zweyter) Theil ... Samt einem Anhang Von der Rechtschreibung, und Schriftscheidung oder Distinction. Durch ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschaft. (Teil 3:) Prob und Lob der Teutschen Wolredenheit. Das ist: des Poetischen Trichters Dritter Theil. 3 Teile in 1 Band. 8 Bl., 137 S. (recte 133, S. 65-68 übersprungen), 5 Bl. (d.l.w.); 7 Bl., 186 S., 4 Bl.; 16 Bl., 563 (recte 561) S., 7 Bl., 1 Bl. Druckfehler. Mit zahlreichen Textholzschnitten. Die fast immer fehlende gestoch. Tabelle mit 5 Teilen, davon 4 drehbar, liegt in gutem Faksimile bei. Pergamentbd d. Z. mit verblasstem handschriftl. Rückentitel. Nürnberg, Wolfgang Endter, 1650, 1648 und 1653.
Erste vollständige Ausgabe der nach Opitz bedeutendsten deutschen Poetik, mit allen drei Teilen. Teil 1 in der 2., erweiterten Auflage, Teile 2 und 3 in erster Ausgabe. Der erste Teil erschien schon 1647 in einem schmalen Bändchen, das dann wegen des großen Erfolgs neu bearbeitet und 1648 um den hier vorliegenden 2. Teil ergänzt und 1653 schließlich mit dem umfangreichsten dritten Teil abgeschlossen wurde. In der hier vorliegenden Zusammensetzung liegt damit die erste rechtmäßige vollständige Ausgabe des Werks vor. „Der von der Nachwelt zu Unrecht verlästerte, freilich auch sprichwörtlich gewordene Trichter ist eine mit großer Konzentrationskunst kurz zusammengefaßte und doch sehr reichhaltige Theorie der Poesie mit sehr genauen Angaben und Hinweisen, viel persönlichen Erfah-rungen, die ein geschultes Ohr und guten oft führenden Geschmack im Zeitsinn beweisen. Die Ak-zentlehre z. B. wird durch Musiknoten erläutert. Natürlich im Sinne der Zeit auch eine reiche Samm-lung von Synonymen, Umschreibungen und Ersatzbezeichnungen. Die vielen Holzschnitte, besonders des letzten Teils, sind in Zeichnung, Technik und Druck für diese Spätzeit außerordentlich wohl gera-ten, so daß man beinahe von einem ‚Holzschnittbuch‘ reden kann“ (Wolfskehl). Während Opitz „Buch von der Deutschen Poeterey“ von 1624 sich an gelehrte und humanistisch gebildete Kreise wandte, sich an lateinischen und antiken Vorbildern orientierte sowie regelbasiert und theoretisch vermittelte, wandte sich Harsdörffer an die Allgemeinheit, an Frauen und Männer ohne Lateinkenntnisse. Er be-tont den melodischen Klang der deutschen Sprache, erlaubt mehr rhythmische Freiheiten und Wort-spiele und ist didaktischer, spielerisch und in „Stunden“ aufgeteilt. Die 6 „Stunden“ sind: 1: Wortfor-schung - Rechtschreibung, Wortbildung und Reinheit der Sprache. - 2: Metrik - Silbenmessung und der Aufbau von Versen. - 3: Rheorik - Einsatz von Metaphern, Sprachfiguren und poetischem Schmuck. - 4: Die Erfindung (Invention) - Wie findet man passende Themen, Einfälle und Argumente für ein Gedicht. - 5: Anordnung - Logischer Aufbau und Gliederung von poetischen Texten. - 6: Gat-tungslehre - Praktische Anleitung für verschiedene Gedichtformen, Lieder und das Drama. Im 3. Teil finden sich auch Kapitel wie „Von den Fremden Wörtern in der Teutschen Sprache“, „Von der Verän-derung der Sprachen“, „Von der Nachahmung“, „Von den Gleichnissen“ u.s.w. Schließlich folgt unter dem Motto: „Poetische Beschreibungen, verblümte Reden und Kunstzierliche Ausbildungen“ ein al-phabetisches Verzeichnis von 539 Begriffen von Aal bis Zwilling, das als Anleitung zur Periphrase, zu poetischen Umschreibungen, verstanden werden kann. Der Aal wird nicht einfach benannt, sondern poetisch als „schlüpfriger Wassergast“ oder „wandelnde Schlange des Bachs“ umschrieben. Dazu dienen die Wörter von A bis Z als Symbole. Jedes dieser 539 Wörter wird von Harsdörffer daraufhin untersucht, welche tiefere, moralische oder allegorische Bedeutung es in einem Gedicht tragen kann. So steht der Zwilling für vollkommene Ähnlichkeit, unzertrennliche Freundschaft oder astronomische Sternzeichen. Der zum Anfang des dritten Teils gehörige und aus 5 Teilen bestehende „Fünffache Denckring der Teutschen Sprache“ ist so selten, dass er auch im Faksimiledruck Darmstadt 1969 fehlt. Wenn er im Handel auftauchte, wurde nur – wie bei Dünnhaupt – von einer „Tafel mit drehbarer Scheibe“ (im Singular!) gesprochen, weil wenig bekannt war, dass es 4 drehbare Scheiben sein müs-sen. In den wenigen Fällen, in denen die Scheibe erwähnt wurde, scheinen Teile gefehlt zu haben. Hier liegen der Basiskreis und die 4 drehbaren Teile in guter Kopie bei. Es bleibt dem Käufer vorbehalten, ob er diese Teile mit beiliegendem altem Buchbinderheftfaden montieren möchte. Die Abbildung ist sozusagen eine „Serviervorschlag“. Beim „Denckring“ handelt es sich um eine mechanische Wortbil-dungsmaschine aus fünf konzentrischen, drehbaren Papierscheiben. Durch das Drehen der Ringe las-sen sich Vorsilben, Anfangsbuchstaben, Stammvokale, Endbuchstaben und Nachsilben kombinieren. Harsdörffer wollte damit alle grammatikalisch möglichen Stammwörter der deutschen Sprache (insge-samt über 97 Millionen Kombinationen) mechanisch erzeugen, um Dichter bei der Wortfindung zu unterstützen und ein Gefühl vom Reichtum der deutschen Sprache zu vermitteln. – Titel mit kleinem Loch durch eine Rasurspur (verso Text nur leicht berührt). Wenige Wurmstiche bzw. ein kurzer Gang im Bug der Innendeckel, eins der beiden hinteren Vorsatzblätter mit Ausschnitt. Seite 199 mit kurzem Eckausriss oben, mit geringem Buchstabenverlust. Gleichmäßig leicht gebräunt. Gutes, sauberes Ex-emplar. – VD17 23:298190Q (Teil 1) und 14:019688V (dort Teil 1 in der Vorfassung von 1647); Dünnhaupt 38.I.3 (eine der beiden Druckvarianten: „Reimkunst“ im Titel statt Reim-Kunst„), 38.II.3 (eine der drei Titelvarianten) und 38.III.1 (frühere von 2 Titelvarianten und noch mit dem Blatt “Druckfehler„); Goedeke III 22,10; Zirnbauer 57-59; Faber du Faur 504 und 505; HdB NF 462 (dort mit dem “Denckring„ im unzerschnittenen Orig.-Bogen).
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Sachgebiete: Barock, Literatur bis ca. 1900, Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft
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