Singende Muse an der Pleisse in 2 mahl 50 Oden, Der neusten und besten musicalischen Stücke mit den darzu gehörigen Melodien zu beliebiger Clavier-Übung und Gemüths-Ergötzung. Nebst einem Anhange aus J. C. Günthers Gedichten. – Erste Fortsetzung in 2. mahl 25 Oden Derer neuesten besten und leichtesten musicalischen Stücke. – Zweyte Fortsetzung in 2. mahl 25 Oden. – Dritte Fortsetzung in 2. mahl 25 Oden. 4 Teile in 1 Band (alles Erschienene). Doppelblattgr. Frontispiz von C. F. Boetius nach J. A. Richter, gestoch. Titel von Busch, 1 Bl. Widmung, 50 Bl. mit 68 S. gestoch. Notenkupfern; gestoch.Titel von Brühl, 27 Bl. (50 S. gestoch. Noten); gestoch.Titel, 31 Bl. (48 S. gestoch. Noten); gestoch. Titel, 27 Bl. (50 S. gestoch. Noten). Mit zahlreichen reizenden, großen und teils figürlichen Holzschnitt-Vignetten. Kl.-4°. Zus. in einem Lederbd d. Z. (berieben, ein Gelenk leicht angeplatzt) mit Rückenschild und Rückenvergoldung. Leipzig, auf Kosten der typographischen Gesellschaft (Breitkopf), 1741-1745.
Vollständiges Exemplar der berühmtesten und einflussreichsten Liedsammlung der vorklassischen Zeit, mit allen Fortsetzungen. Der Hauptteil liegt in der 2. Ausgabe vor (zuerst 1736 erschienen), die drei Fortsetzungen in Erstausgaben. „In nur geringer Zahl gedruckt, vollständige Exemplare sind fast nicht mehr aufzufinden“ (Hayn/G. vor 90 Jahren). Selbst einzelne Teile tauchen heute – wenn überhaupt – meist nur defekt auf. „Inmitten der sogenannten ‚liedlosen Zeit‘, die seit etwa 1680 den Liebhabern des Gesanges fast nur noch Opernarien mit italienischem Stempel bot, knüpfte Sperontes an Vorläufer und Gestalt handschriftlicher Liedsammlungen, vor allem der inhaltlich ähnlichen ‚Musicalischen Rüstkammer‘ von 1719 an, betonte ... das Sololied und ermunterte – wie die Fortsetzungen (und) Auflagen (1736, 1741, 1747 und alle Teile zusammen 1751) und Nachwirkungen beweisen – Hausgesang, Liedkomposition und erneute Sammlerfreudigkeit... Wahrscheinlich wird Scholze dem Studenten-Musikverein angehört und vielleicht die Bekanntschaft seines derzeitigen Dirigenten, Johann Sebastian Bach, gemacht haben. Mit einiger Gewissheit aber war Herr Sperontes zünftiges Mitglied der ‚lustigen Gesellschaft‘, die sich in dem auf dem Titelblatt hervorgehobenen ‚Schellhavers Haus‘ traf und auf Kosten derer die ‚Singende Muse‘ anfangs gedruckt wurde“ (H. Irrgang im Nachwort des Faksimiledrucks des ersten Teils, Leipzig 1964). Zu dieser lebensvollen und trinkfrohen Sammlung mit den Themen Liebe, Freundschaft, Natur, Leben auf dem Lande, Lebensgenüsse und Vergnügen, soll auch J. S. Bach beigetragen haben. Mindestens das damals sehr beliebte Lied „Ich bin nun wie ich bin“ (Nr. 54) wird ihm zugeschrieben. Scholze/Sperontes benutzte bekannte Instrumentalmelodien (Menuette, Märsche, Polonaisen) und unterlegte sie mit einfachen, alltagsnahen Texten. Das machte die Musik für das Bürgertum leicht singbar. Der schlichte, volkstümliche Stil löste die komplizierte Barockoper in der Gunst des Volkes ab. Die Texte spiegeln das Lebensgefühl, die Galanterie und den Humor des Leipziger Bürgertums wider und es wurde quasi ein Soundtrack des deutschen Rokoko. Die Sammlung war so populär, dass sie mehrfach erweitert wurde und zahlreiche Nachahmer fand. Die Familie von J. S. Bach kannte und nutzte die Lieder im privaten Kreis. Die Sammlung gilt auch auch als Vorbild für die sogenannte Erste Berliner Liederschule, der neben Carl Philipp Emanuel Bach und den anderen Bachsöhnen auch die Komponisten Johann Joachim Quantz, Christoph Schaffrath, Franz Benda und die Gebrüder Graun gehörten. Der ständige Gebrauch bei der „Hausmusik“ führte dazu, dass das Buch zerlesen wurde und die Exemplare damit weitgehend verloren gingen und heute extrem selten sind. Äußerlich erhält das Buch einen besonderen Rokokocharakter durch die vielen reizenden Holzschnittvignetten (darunter Figuren mit zeitgenössischen Musikinstrumenten wie Gambe, Violine, Quer- und Blockflöte, Drehleier, Dudelsack, Jagdhorn, Spinett und Fanfare) und Zierate, mit denen es ausgestattet ist; eine Meisterleistung Breitkopfs! Der Hauptband wurde in den späteren Auflagen erweitert (die erste Ausgabe hatte 68 Notenkupfer, die letzte 75) und vor allem verbessert; teils wurde die Musik neu gestochen. Vor allem die Unsangbarkeiten, Unebenheiten im Wort-Ton-Verhältnis und Satzschwächen wurden ausgebügelt. Die Wirkung der Sammlung war enorm. Vor allem die Texte Günthers (‚Brüder! laßt uns lustig seyn‘) wurden gerne gesungen und noch im ‚Feynen kleynen Almanach‘ Chr. Friedrich Nicolais (1777) sind Spuren der ‚Singenden Muse‘ zu finden (‚Ich hab die Nacht geträumt ...‘). „Solche kernigen volksliednahen Töne, die die Berliner Liederschulen voranmelden, beweisen, daß Sperontes einem im bürgerlich-aufklärerischen Sinn volkstümlichen Prinzip verbunden war und daß er seinen Platz in der Geschichte des jüngeren deutschen Liedes verdient“ (Irrgang a.a.O.). Der wahre Name des unter dem Pseudonym „Sperontes“ schreibenden Autors J. S. Scholze (1705-1750) konnte erst 1885 vom Bach-Biographen Philipp Spitta gelüftet werden. – Im Außensteg nicht sehr breitrandig; wenige Seiten knapp beschnitten bzw. minimal angeschnitten. Schönes und vollständiges Exemplar der großen Rarität, mit dem meist fehlenden Frontispiz mit der doppelblattgroßen Ansicht von Leipzig. – Hayn/G. IV 128 ff.; Eitner IX 225; MGG 1034 ff.; Faber du Faur 1759; Wolffheim II 2439 (nur Teil 1, unvollständig). Nicht in der Sperontes-Sammlung Jürgen Voerster: „Die Sperontes-Ausgaben gehören unzweifelhaft zu den seltensten aller Musikdrucke.“
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