Rues & Visages de Berlin. Texte inédit de Jean Giraudoux. Eaux-Fortes et Dessins de Chas-Laborde. Paris, Les Èditions de la Roseraie, 1930. 4 Seiten (Vortitel und Titelblatt mit gestochener Vignette), 4 Seiten (Inhaltsverzeichnis), 27 Seiten (Text mit zahlreichen Illustrationen, gedruckt in schwarz und rot), 42 Radierungen (21 Radierungen in 2 Zuständen: schwarz-weiß und von Hand koloriert). Illustrierte Original-Halbpergament-Mappe mit Decken aus Silberpapier und Schließbändern, 43,5 x 34,3 cm.
Exemplar Nr. 25 von insgesamt 40 Exemplaren der Vorzugs-Ausgabe auf 'Japon impérial', mit 18 Radierungen in 2 Zuständen und 3 'planches supplémentaires', ebenfalls in 2 Zuständen. Allerdings fehlt hier die eigentlich zu dieser Auflage gehörende Original-Zeichnung. Die Gesamtauflage betrug 156 Exemplare. Jean Giraudoux war 1906 zum ersten Mal in Berlin. Der "Musterschüler", wie Jean Cocteau ihn nannte, "der indes mit der Tüchtigkeit des Letzteren das geheimnisvolle Prestige des Tunichtguts zu verbinden verstand", war Reisender, Lektor in Harvard und seit 1910 Mitglied im diplomatischen Corps - der "detachierteste aller Attachés", weil er sich mehr mit seiner Schriftstellerei als mit Bureauangelegenheiten zu befassen suchte. Sein Interesse für Deutschland durchzog seine Studienzeit und überdauerte sowohl den ersten Weltkrieg als auch die Nachkriegszeit, in der ein "unterschwelliger, gereizter Nationalismus" (Friederike Hassauer und Peter Roos, Nachwort zur Neuausgabe, 1987, S. 78) herrschte. 1930 ist er zum vierten Mal in Berlin - eigens um den Text für 'Rues et Visages de Berlin' zu schreiben. Er ist als Ethnologe unterwegs, "der als professioneller Fremder halb skeptisch-überheblich, halb freundlich-geneigt sich in die Sprache und Lebensgewohnheiten der Eingeborenen zwischen Sauerkraut und Eisbein, zwischen Goethe und Kleist initiieren läßt. ... Der Fokus ist gerichtet auf das Psychogramm der Deutschen zwischen Versailles und Adolf Hitler in einer Reichshauptstadt mit dubiosem geschichtlichem Status und prekärem Selbstwertgefühl. ... Ihn radiert und koloriert Chas-Laborde kongenial: den deutschen Charakter. ... Das Spektakel der Straße interessiert ihn, die Menschen und ihr Milieu, die Masse und die Frauen in der Masse, die Physiognomie der Typen in der Physiognomie der Stadt" (a.a.O., S. 82 ff.). Sein Strich erinnert an Rudolf Grossmann und Rudolf Schlichter und an einen gezähmten George Grosz. Aber anders als Grosz blickt Chas-Laborde mit einem Lächeln auf die Berliner. "Viel mehr Liebe zum Detail, Individuen hinter den Schablonen, keine Rastervisagen, das unendlich verspielte Weitererzählen, das endlos epische Geplauder der Figuren statt der scharf umrissenen Grosz-Szenen." (a.a.O., S. 85). Zustand: Die empfindliche Mappe sehr gut erhalten, nur an den Kanten etwas berieben und mit wenigen leichten Gebrauchsspuren, auch innen wohlerhalten, nur die Seidenhemdchen gelegentlich mit kleinen Knickspuren.
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