Ein barockes Puppenhaus aus Papier. Großes Album mit 23 doppelblattgroßen Bild-Tableaus, bestehend aus gezeichneten und gouachierten Hintergründen und aus kolorierten Bilderbögen ausgeschnittenen Gebäuden, Personen, Möbeln, Haushaltsgegenständen, Kunstwerken, Tieren, Pflanzen, Fahrzeugen etc., sowie zugeschnittenem Buntpapier. Wohl Augsburg, um 1740. 24 beidseitig gestaltete Blätter, am Ende ein Blatt mit aufgeklebten Fragmenten und vier weiße Blätter. Halbleder-Band der Zeit mit hübschen gestreiften Buntpapier-Decken, Quer-Folio (31 x 38 cm).
Die ausgeschnittenen Figuren wurden - wohl von Erwachsenen und Kindern gemeinsam - so arrangiert, dass die Lebens- und Wohnwelten eines barocken Patrizierhaushaltes lebendig werden. Durch die thematische Anordnung entsteht ein zweidimensionales Puppenhaus, mit Innenhof, Vorratskellern, Wohnzimmern, Empfangsräumen, Dielen, dem Kontor, Sälen, Schlafzimmern, Wöchnerinnenzimmer, Küchen, Speisekammern und Gärten. Die vielen eingeklebten Personen und Gegenstände zeigen die alltägliche und die festtägliche Nutzung der Räume: es wird gespielt, gegessen, gearbeitet, gelesen, geplaudert, musiziert, man sieht eine weihnachtliche Bescherung, es wird gelernt, geschrieben, gekocht, gebacken, genäht, gesponnen, flaniert und gepflanzt. Da auch die Umgebung des Hauses gezeigt wird, sieht man die Stadt, Marktplätze, Schlittenfahrten, Geflügelzucht, Straßentheater, Moritatensänger, Landpartien, Straßenhändler, Handwerker, kurz ein ganzes Universum im Kleinen. Einige der ausgeschnittenen Gebäude und Möbel lassen sich Ausschneidebögen und Perspektivtheatern des Augsburger Verlegers Martin Engelbrecht zuordnen. So bereits auf dem ersten Tableau das Augsburger Rathaus (Alberto Milano, Martin Engelbrecht Perspektivtheater - Dioramen, 2016, Nr. 66). Darüberhinaus eine Wiege und Stühle (SUB Göttingen DD2023 B13) und ein Bücherregal mit Vorhang, ein Sofa, ein Tisch mit drapiertem Tuch und ein Paravent (SUB Göttingen DD2023 D 13). Einige der Schränke und Türen lassen sich öffnen, dann sieht man eine Wäscherin, einen Besucher oder Vorräte und Wäsche. Im Jahr 2020 widmeten die Kunstsammlungen und Museen Augsburg im Schaezlerpalais einem Konvolut von 19 Blättern aus einem ganz ähnlichen Album eine Ausstellung und eine umfangreiche Publikation ('Die Kunst zu wohnen. Ein Augsburger Klebealbum des 18. Jahrhunderts'. "Weil die Albumblätter, genauso wie Puppenhäuser, dazu dienten, Kindern und Heranwachsenden einen perfekt organisierten Haushalt zu demonstrieren, zeigen sie die Innenräume eines idealtypischen großbürgerlichen Wohnhauses." (a.a.O., S.11). Diese Tableaus sind eine hervorragende und bedeutende kulturhistorische Quelle, weil anders als in der flämischen und niederländischen Tafelmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts, danach "keine vergleichbare Dichte und Informationsvielfalt über lokale Raumkunst und Mobiliar" (a.a.O., S. 58) mehr existiert. Zustand: Das Album wurde sorgfältig repariert, Heftung und Falze wurden, wo nötig, erneuert und kleine Einrisse geschlossen. Aber man sieht dem Album an, dass damit gespielt wurde, das heißt der Einband ist berieben, manche Figuren oder Gegenstände wurden entfernt, manche Seiten sind fingerfleckig, ein Türflügel und eine Türe fehlen. Insgesamt aber für ein barockes Kinderbuch erfreulich gut erhalten.
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