Bemerkenswertes Skizzenbuch einer Reise nach Paris 1827 bis 1828. Mit 36 versiert ausgeführten, annotierten und datierten Bleistift- und Tuschezeichnungen, davon sind 23 Blätter größtenteils farbig laviert. Festgehalten wurden in Straßburg, Speier, Mainz, Naumburg und ab Blatt 9 in Paris Baudetails, Kandelaber, archäologische Funde, Gesimse, Grundrisse, Brücken, konstruktive Brückenteile, Fußböden, Fenster, Bauverzierungen, Säulen, Geländer, Fenstergitter, ein Kronleuchter, Friese, Laternen u.a.m. 2 weiße Blätter, 36 Blätter, 2 weiße Blätter. Pappband der Zeit mit 3 Lederlaschen zum Verschließen des Skizzenbuches und zur Aufbewahrung eines Stiftes, 16,5 x 22 cm.
Das vorliegende Skizzenbuch, entstanden von Ende 1827 bis Anfang 1828, stammt von der Hand eines deutschen - oder in jedem Fall deutschsprachigen - Künstlers, wahrscheinlich eines Architekten, dessen Name und Herkunft sich bislang nicht ermitteln ließen. Es hält vor allem seinen mehrwöchigen Aufenthalt in Paris fest und außerdem kursorisch seine Reise dorthin. Das Skizzenbuch besteht im Wesentlichen aus Zeichnungen; der Text beschränkt sich auf Bildlegenden oder kurze Erläuterungen, es dominieren säuberlich angelegte Reinzeichnungen oder flüchtigere, doch stets aussagekräftige Skizzen. Seine Studien zeigen in Straßburg Teile des Münsters, in Speyer interessierten ihn moderne Kandelaber (Nr. 3), in Mainz archäologische Funde (Nr. 4, 5) und Details des dortigen Doms (Nr. 6, 7). Bemerkenswert ist der Perspektivwechsel, der sich in Paris vollzog. Hatten ihn auf dem Weg dorthin mittelalterliche Dome und Münster sowie Ausgrabungen gefesselt, so widmete er sich in Paris ganz der zeitgenössischen Kunst, sei es im Bereich der Architektur, sei es jedoch vor allem auch in den jüngsten Hervorbringungen der dekorativen Künste. Vier Bauten bzw. ihrer Ausstattung gehörte seine ganz besondere Aufmerksamkeit: Dem altehrwürdigen Louvre mit seinem nach modernen Gesichtspunkten eingerichteten Museum (Nr. 11-13, 15, 16, 27) sowie den Neubauten von Börse (Nr. 15, 19), Pont des Arts (Nr. 9, 10) und La Madeleine (Nr. 17, 18). Im Louvre studierte er die verschiedenen neu verlegten steinernen Fußböden mit ihren verschiedenen Mustern und Farben (Nr. 11, 12) oder in der dortigen Kapelle die Fensterscheiben. Von der repräsentativen, 1809 bis 1812 von Percier und Fontaine errichteten Treppe - einem Meisterwerk der napoleonischen Architektur, das später dem Neubau der Daru-Treppe zum Opfer fiel - nahm er die Umrissformen eines Balusters des Treppengeländers auf (Nr. 13). Den imposanten Neubau der Börse besuchte er an mindestens zwei Tagen. Im Skizzenbuch sind Details festgehalten, darunter das Profil des Sockelgesimses sowie die Rosetten in den Heizungsanlagen, aus denen Warmluft in den Saal strömte (Nr. 15), außerdem ein Fußeisen und ein Türgriff (Nr. 19). Mit der Pont des Arts interessierte den Zeichner ein Bauwerk modernster Ingenieurtechnik, dem er ausnahmsweise einmal auch eine Gesamtansicht widmete (Nr. 9). Die Konstruktion in Gusseisen war zum Zeitpunkt ihrer Entstehung ein Novum in Frankreich, und einem deutschen Architekten bot sie willkommenes Anschauungsmaterial. Eine zweite Zeichnung von hoher Prägnanz hält zahlreiche konstruktive Details fest (Nr. 10). Schließlich befasste er sich auch an zwei Tagen mit der unweit des Place de la Concorde gelegenen Kirche La Madeleine, insbesondere mit der Dachkonstruktion. Unter den unnumerierten Blättern am Ende des Skizzenbuchs finden sich noch zwei Seiten, auf denen er sich ebenfalls mit Dach- und Deckenkonstruktionen befasst. Eine zeigt einen Eckpfosten vom Dachstuhl des 1818 fertiggestellten Schlachthauses von Montmarte, eine zweite Details einer Decke mit der besonderen Konstruktionsweise von "Toepfe[n] zum Einwölben der Decken jeder Form" (ohne Nr. [3]). Neben dem gezielten Blick für außergewöhnliche ingenieurtechnische Leistungen, wie sie in Deutschland so noch nicht zu sehen waren, steht ein ebenso großes Interesse an neuen Tendenzen im Kunstgewerbe. So hielt er weitere Böden fest: Einen aus dem Korridor im Théâtre d'Italien (Nr. 11), das sich damals in der Salle Favart befand, die 1838 einem Brand zum Opfer fiel, so dass der Fußboden heute nicht mehr erhalten ist. Einen aus schwarzen und weißen Marmorplatten in der Galerie Véro-Dodat (Nr. 28), die erst 1826 von Benoît Véro und François Dodat errichtet worden war und noch heute existiert. Ein weiterer Interessenschwerpunkt lag auf modern, d.h. klassizistisch schlicht, gestalteten Geländern. Einige sind derart genau skizziert, dass ein Nachbau möglich gewesen wäre. Die gilt auch für die besonders schöne Zeichnung des mit Gas betriebenen Kronleuchters in einem Café, wozu er eine längere Erläuterung verfasste (Nr. 26). Der einmonatige Paris-Aufenthalt des unbekannten deutschen Architekten, der hier in Form seines Skizzenbuchs überliefert ist, erinnert stark an Karl Friedrich Schinkels zweite Reise nach Paris, die nur anderthalb Jahre zuvor stattfand und über die wir durch dessen mit Skizzen angereichertes Tagebuch gut informiert sind. Die Interessen beider Architekten weisen deutliche Schnittmengen auf: Beide besuchten den Louvre, wobei sich Schinkel am 1. Mai 1826 ("Besichtigung des ganzen Louvre") primär auf die Aufstellung der Skulpturen konzentrierte, der andere hingegen gleich an fünf Tagen dort war, um sich vor allem mit der Gestaltung der Fußböden und Decken zu befassen. Beide schauten sich einerseits moderne Schlachthäuser und zeitgenössisches eisernes Gitterwerk an sowie andererseits das Palais Royal (Nr. 20) oder das Théâtre des Italiens (Nr. 11). Beide waren fasziniert vom Neubau der Börse (Nr. 15, 19), von deren Dachkonstruktion Schinkel Detailskizzen anfertigte, die ihrerseits sehr an die Konstruktionsdetails erinnern, die der unbekannte Architekt von der Pont des arts festhielt (Nr. 10). An den katakombenartigen Bauten im Hof vor der Chapelle Expiatoire beobachtete Schinkel, dass "deren Tonnengewölbe gleich äußerlich das Dach bilden, aber [...] nochmals innerlich mit einer flachen Decke aus Eisen und hohlen Töpfen geschlossen sind." Der Architekt des vorliegenden Skizzenbuchs wiederum zeichnete gar "Toepfe zum Einwölben der Decken jeder Form" (ohne Nr. [3]), wobei herauszufinden wäre, ob er sich dabei auf das von Schinkel genannte Beispiel bezog. Ob das vorliegende Skizzenbuch konkret zu einem Ideentransfer von Paris nach Deutschland beitrug, muss beim gegenwärtigen Kenntnisstand offenbleiben. Umgekehrt kann das Buch jedoch für die Pariser Stadt- und Baugeschichte sowie die Denkmalpflege herangezogen werden. Ein ausführliches Gutachten von Dr. Guido Hinterkeuser und ein Katalog der im Skizzenbuch enthaltenen Zeichnungen liegt vor. - Zustand: Einband an den Kanten leicht berieben, stellenweise minimal fingerfleckig oder leicht gebräunt, sehr gut erhalten.
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Sachgebiete: Architektur, Frankreich, Handschriften, Handzeichnungen, Technikgeschichte
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