Die Frauenzimmer im neunzehnten Jahrhundert. Ein Traumgesicht. 9 Bl., 205 S. Mit gestoch. Titel mit Vignette und 2 gestoch. Textvignetten. Orig.-Lieferungspappbd. Wien, Paris und London (d. i. Linz, Akademische Buchhandlung), 1781.
Erste Ausgabe, in der eine visionäre Sicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse des Jahres 1830 ge-worfen wird. Hauptsächlich geht es um die Stellung der Frau in dieser recht nahen Zukunft von knapp 50 Jahren, aber es werden auch allgemeine Fragen zu Bildung und Erziehung erörtert. Man erwarte jedoch keinen Pestalozzi. Manche Vorstellungen gehen in die richtige Richtung, andere empfinden wir heute als starr und nicht gerade in unserem Sinn menschenfreundlich und angemessen. Aber wichtiger als sein Entwurf ist das, was er nicht gut findet und was ausführlich dokumentiert wird. So beschreibt Rautenstrauch, wie die Konversation zwischen Eltern und Kindern abläuft, welche emotionale Distanz dabei sichtbar wird und wie er sich das anders vorstellt. Dabei klingt oft Gesellschaftskritik an, indem er empathisch und direkt die realen Einschränkungen und Herausforderungen offenlegt, mit denen Frauen konfrontiert waren. Er thematisiert verdeckte Missstände wie mangelnde Bildungschancen und die starre Eingrenzung der weiblichen Berufswahl. Für die moderne Geschichts- und Genderforschung ist das Werk eine gute Quelle nicht nur für das josephinische Wien. Es zeigt auch fundiert auf, wie im aufgeklärten Bürgertum über Frauenrechte, gesellschaftliche Normen und Erwartungshaltungen de-battiert wurde. Zusammen mit seinen anderen Sittengemälden regte Rautenstrauch damit das Publi-kum zum Nachdenken an. Er stieß Debatten an, die langfristig den Weg für die spätere, liberale Frau-enbewegung im „wirklichen“ 19. Jahrhundert ebneten. Rautenstrauch (1746-1801) wurde in Erlangen geboren und kam 1770 nch Wien, wo er sich, zum Teil unter seinem Pseudonym Arnold Ehrlich, der politischen, historischen und kirchenpolitischen Publizistik im Sinne der Reformpolitik Josephs II. zuwandte. – Titel verso mit 2 kleinen, schwachen und nicht durchschlagenden alten Bibliotheksstem-peln. Kaum fleckig. Gutes Exemplar auf festem Papier. – VD18 10699732; Goed. IV 1, 199, 22; Hayn/G. II 421.
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