Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte, zu Gottseeligem Zeitvertreib erfunden und gesetzet. Nunmehr Ihr zu Ehren und Gedächtniß, zwar ohne ihr Wissen, zum Druck gefördert, durch ihren Vettern Hanns Rudolf von Greiffenberg. 24 Bl., 414 S,, 8 Bl. Mit gestoch. Titel. 12°. Etwas späterer Halbpergamentbd mit handschriftl. Nummer und kalligraphischem Rückentitel. Bayreuth und Nürnberg, Johann Gebhardt für Michael Endter, 1662.
Erste Ausgabe der Sammlung lyrischer Werke Catharina von Greiffenbergs. Es ist ihr wichtigstes und bekanntestes Werk. Ihr guter Freund und Vertrauter Sigmund von Birken, versucht in seiner „Vor-Ansprache zum edlen Leser“ einen kurzen Abriss zu geben von „der Fürtrefflichkeit, und insonderheit von der Geist- und Kunstfähigkeit des lieblöblichen Frauenzimmers“ indem der Nürnberger Dichter Beispiele biblischer und heidnischer Frauengestalten beschreibt und den religiösen Gehalt der Greif-fenbergschen Gedichte betont. Die Sammlung gliedert sich in zwei Teile. Der erste enthält 250 Son-nette; hier wechseln sich ohne strenge Anordnung Themen wie ‚Sinn und Zweck geistlichen Dich-tens‘, ‚Hoffen auf Gott‘, ‚Unglück‘, ‚Tränen‘, oder ‚Widerwärtigkeiten‘ ab. Der zweite Teil setzt sich aus 52 Liedern zusammen, zwischen die „allerhand Kunst-Gedancken“ – das sind zumeist Reflexio-nen über Bibelstellen oder Paraphrasen italienischer Sprichwörter – eingestreut sind. Beschlossen wird der zweite Teil von fünfzig „Spruch-Reimen“ in Alexandrinerpaaren und zwei Registern, die sich auf beide Teile der Sammlung beziehen. „Die Sonnette im ersten Teil verraten eine strenge Achtung dichterischer Formen in der Tradition des Petrarkismus, die Lieder im 2. Teil zeichnen sich durch eine eher schlichte Sprache und eine vielseitige Verwendung der Strophenformen aus. ... Die dadurch er-zielte Intensität der dichterischen Aussage geht, wie die biographische Forschung erwiesen hat, zurück auf persönliche Erlebnisse der Dichterin, die in ihrer Not bei Gott und im Glauben an dessen Vorse-hung den einzig möglichen Ausweg fand: Nach dem frühen Tod ihrer geliebten Schwester, bei der von ihr nicht gewollten Heirat mit einem Blutsverwandten, schließlich allgemein in der schwierigen Lage als überzeugte Protestantin im gegenreformatorischen Österreich“ (KNLL). Gemeinsam mit den ka-tholischen Barock-Mystikern Friedrich v. Spee und Johannes Scheffler (Angelus Silesius) markiert Greiffenberg zugleich den Beginn einer pantheistischen Naturlyrik. Catharina Regina von Greiffen-berg (1633-1694) gilt als „bedeutendste deutsche Dichterin der Barockzeit und eine der gelehrtesten Frauen ihres Zeitalters“ (Dünnhaupt). Ihre seit 1608 dem protestantischen Landadel zugehörige Fami-lie lebte in Österreichauf Schloss Seisenegg bei Amstetten unter den gegenreformatorischen Pressio-nen Habsburgs. Ihre Erziehung übernahm nach dem Tod ihres Vaters (1641) dessen Halbbruder Hans Rudolf. Er ermöglichte ihr eine für damalige Zeit ungewöhnlich umfassende Bildung. Sie studierte Sprachen, unternahm Bildungsreisen und beschäftigte sich mit Georg Philipp Harsdörffers Kunsttheo-rien und Sigmund von Birkens Dichtung. Greiffenbergs Werke dokumentieren humanistisches Wis-sen, theologisch-philosophische Belesenheit, besondere Sprachfertigkeiten, Vertrautheit mit naturwis-senschaftlichen Vorstellungen und Kenntnis der hermetischen Künste (Magie, Alchemie). Aufgrund ihrer Gelehrsamkeit galt sie als „Wunder ihrer Zeit“. In ihren frühen Jahren war Johann Wilhelm von Stubenberg, der Schriftsteller, der sich auch als Übersetzer einen Namen gemacht hatte und unweit von Seisenegg auf der Schallaburg lebte, wichtigster Förderer ihrer poetischen Fertigkeiten. Stuben-berg leitete lyrische Texte Catharinas an Sigmund von Birken nach Nürnberg weiter und auch ihr On-kel und Ziehvaters Hans Rudolf, der spätere Ehemann, sandte die Gedichte seiner Nichte – angeblich ohne deren Zustimmung – an Birken. Dieser war von den Gedichten so angetan, dass er den Druck des bis heute bekanntesten Werks der Dichterin, ‚Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte‘ 1662 in Nürnberg, zum Druck beförderte und mit einer Einleitung versah. Da Hans Rudolf wegen der Ver-wandtenehe bis 1666 inhaftiert wurde, oblag Greiffenberg die Verwaltung des Gutes. Nach Hans Ru-dolfs Tod verlor sie den größten Teil ihres Besitzes und emigrierte 1680 nach Nürnberg. Die zuweilen zum Mystizismus neigende Sprache und die teils schwierig zu entschlüsselnde Metaphorik machten die Gedichte selbst für religiöse Zeitgenossen nur schwer zugänglich, so dass sich kaum Spuren einer zeitgenössischen Rezeption finden. Heute hingegen ist das Interesse an der Dichterin und ihrem Werk stärker geworden, wie die Neuauflagen ihrer Werke und die intensive germanistische Forschung zei-gen. – Vorderer Innenspiegel mit handschriftl. Namenskürzel und dat. „1713“. Beide Spiegel mit Leimschatten, etwas auf die fliegenden Vorsätze übergehend. Titel leicht gebräunt. Gutes Exemplar dieser großen Seltenheit. Seit über 60 Jahren nur ein weiteres Exemplar im JAP und ein weiteres im Handel, das Donaueschingen-Exemplar, das Heritage Book Shop, Beverly Hills, im Jahr 2000 auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse für DM 11.000,- anbot. – VD17 23:233013P; Dünnhaupt 4; Goed. III 23, 31, 1; Maltzahn II 493; Faber du Faur 487.
6500,- EUR
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Sachgebiete: Barock, Erstausgaben, Literatur bis ca. 1900, Lyrik
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