Caledonia. Von der Verfasserin der Sommerstunden. 4 Bände. 254 S. (I-XII röm. numeriert), 1 Bl.; 269 S., 1 w. Bl.; 275 (verso nn. Druckfehler); 287 S. (verso nn. Druckfehler). Hübsche marmor. Pappbde im skandinavischen Stil, mit 2 farb. Rückenschildern, Filetenvergoldung und feiner vergold. Deckelfilete. Hamburg, B. G. Hoffmann (Druck von Vieweg in Brauschweig), 1802-1804.
Erste Ausgabe der bemerkenswerten Beschreibung der Schottland-Reise, die Emilie von Berlepsch in den Jahren 1799 und 1800 unternommen hatte. Berlepschs bedeutendstes Werk, das als erste Beschreibung Schottlands durch eine deutsche Schriftstellerin überhaupt gilt und das als eine der wichtigsten Schilderung dieses Landes in deutscher Sprache bezeichnet wurde (Nicholas Boyle, Holger Fliessbach: Goethe: Der Dichter in seiner Zeit. München 1995, S. 552.), auch wenn es schon im 19. Jahrhundert in der Folge der Schriften Walter Scotts durch andere Reiseerzählungen in Vergessenheit geriet. Auf dieser Reise wurde sie von dem Geistlichen James Macdonald begleitet, der ein Vertrauter Christoph Martin Wielands und ihres guten Freundes Herder war. Den Winter 1799 verbrachten beide in Edinburgh, im Sommer bereisten sie die Highlands. Emilie von Belepsch hatte auf der Reise ihren Begleiter umworben, der jedoch eine Heirat ablehnte und die Autorin schließlich enttäuscht zurückließ. Die Reisebeschreibung ist begleitet von persönlichen Empfindungen der Autorin und enthält lange Passagen, in denen sie sich mit ihrer Geistesverwandten Mary Wollstonecraft und deren Gedanken beschäftigt. Alles wird stark von den Schriften des schottischen Poeten Robert Burns und den Gesängen Ossians beeinflusst, deren Übersetzung Emilie von Berlepsch plante, jedoch nicht umsetzte. (vgl. dazu: Ruth P. Dawson: „Navigating Gender: Georg Forster in the Pacific and Emilie von Berlepsch in Scotland.“ In: David Gallagher (Hrsg.): Weimar Classicism, Lampeter 2011, S. 39–64.). Bei so viel edlen Empfindungen, bei so viel Burns und Ossian, bringt einen die Beschreibung einer Baumwollspinnerei jäh auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn die Autorin ohne den geringsten Anflug von Ironie oder Selbstzweifel des Lobes voll ist über diese „wohlthätige Anstalt“. An über 5000 Spinnrädern dürften etwa 3000 Kinder zwischen 6 und 12 Jahren tätig sein. Alle seien von blühendem Aussehen, die Wäsche werde sogar alle 14 Tage gewaschen, sie arbeiteten nur 11 Stunden am Tag und in 7 Jahren seien nur 14 Kinder gestorben. – Das Buch ist Herder gewidmet, der Burns Werke und den Ossian sehr schätzte. Als Vertrauter der Autorin las er eine Erstfassung des Werkes noch vor der Veröffentlichung. Bereits in den 1780er Jahren, nach der Trennung von ihrem ersten Mann nach kurzer Ehe, war Emilie von Berlepsch (1755-1830) als Schriftstellerin in Erscheinung getreten. Sie veröffentlichte zuerst anonym Reiseberichte in Zeitschriften und später Gedichte im Göttinger Musenalmanach. Ihr erstes größeres Werk war die Sammlung kleiner Schriften und Poesien, von denen 1787 der erste und einzige Band erschien. Im Jahr 1791 sorgte ihr Werk ‚Über einige zum Glück der Ehe nothwendige Eigenschaften und Grundsätze‘ für Aufsehen, in dem sie über Liebe, Ehe und das Selbstverständnis der Frau reflektiert: „Wir müssen alleine stehen lernen! Wir müssen unsere Denkart, unsern Character in unsern eignen Augen so ehrwürdig machen, daß uns das Urtheil andrer in unserem geprüften und gerechten Urtheil über uns selbst nicht irre machen kann.“ Sie setzte sich lange vor dem Beginn der Frauenbewegung des späten 19. Jahrhunderts für die Unabhängigkeit der Frauen in der Ehe und für die Errichtung einer autonomen weiblichen Kultur ein. Deshalb wurde sie Vorbild für die emanzipierte Gräfin Linda de Romeiro in Jean Pauls Roman Titan. In den Monaten nach der Scheidung von ihrem Mann lebte Emilie von Berlepsch abwechselnd in Hannover, Göttingen und Weimar. Im Jahr 1797 folgte ein kurzer Aufenthalt in Dresden und in Franzensbad, wo sie mit Jean Paul zusammentraf, den sie bereits seit einigen Monaten kannte. Sie folgte ihm mit Heiratsabsichten nach Leipzig. Eine Verlobung mit Jean Paul fand zwar im Januar 1798 statt, wurde jedoch schon im Folgemonat wieder gelöst. – Unterschiedlich stockfleckig, nur gelegentlich stärker. Alle Bände waren im Lieferzustand mit zwei identischen Schmutz- und Zwischentiteln versehen, nur mit dem Wort ‚Caledonia‘ bedruckt. Diese beiden Blätter wurden meist vom Buchbinder auf eines reduziert und dadurch weisen alle Vorstücke bei diesen Exemplaren eine Kollationslücke von zwei Seiten auf. Hier sind diese Blätter vorhanden. Die hübschen Einbände sind gering berieben. – Goed. V 413, 42, 3; Engelmann 905; Griep/Luber 569; Griep/Pelz 280; Gross, Deutschlands Schriftstellerinnen, S. 52.
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