Wie die Alten den Tod gebildet: eine Untersuchung. 4 Bl., 87 S. Mit 5 Kupfertafeln sowie je einer Titel- und Textvignette. 4°. Pappbd d. Z. (berieben) mit farb. Rückenschild. Berlin, Christian Friedrich Voß, 1769.
Erste Ausgabe, Exemplar auf fein gestreiftem „römischem“ Bütten. Die Schrift entstand aus einer Auseinandersetzung mit Klotz, der die Bemerkung im ‚Laokoon‘, dass die alten Künstler den Tod nicht als Skelett dargestellt haben, zum Anlass eines seiner zahlreichen Angriffe nahm. Mit Winckelmann war Lessing der Meinung, dass der antike Tod, der Zwilling des Schlafs, erst im Mittelalter zum Gerippe wurde. Die Schrift gewinnt trotz der „für das größere Lesepublikum trockenen Materie durch ihren klaren, kraftvollen und elegant durchkomponierten Prosastil eine Lebendigkeit der Argumentation, die Goethe und Schiller begeisterte …“ (KNLL). Lessing führt seine Schrift ausdrücklich als Streitschrift ein und eröffnet sie mit einem Lob der Gattung. „Die Ausführungen hierzu sind mindestens so bedeutend, wie die nachmaligen Thesen zu Todesdarstellungen in der Antike: Wir verdanken dem Medium der Streitschrift die Aufklärung wichtiger Fragen, da hier die Verschönerungen entfallen und hart zu Sache gesprochen wird – ein klares Plädoyer für eine Kultur, die Kontroversen nicht als Problem, sondern als Chance ansieht“ (Wikipedia). „Nicht zwar, als ob ich unser itziges Publicum gegen alles, was Streitschrift heißt und ihr ähnlich siehet, nicht für ein wenig allzu ekel hielte. Es scheinet vergessen zu wollen, daß es die Aufklärung so mancher wichtigen Punkte dem bloßen Widerspruche zu danken hat, und daß die Menschen noch über nichts in der Welt einig sein würden, wenn sie noch über nichts in der Welt gezankt hätten. ... Aber die Wahrheit, sagt man, gewinnet dabei so selten. – So selten? Es sei, daß noch durch keinen Streit die Wahrheit ausgemacht worden: so hat dennoch die Wahrheit bei jedem Streite gewonnen. Der Streit hat den Geist der Prüfung genähret, hat Vorurteil und Ansehen in einer beständigen Erschütterung erhalten; kurz, hat die geschminkte Unwahrheit verhindert, sich an der Stelle der Wahrheit festzusetzen“ (Vorrede Lessings). Die eigentliche Darlegung, die auch brisante religionskritische Perspektiven enthält, beschäftigt sich bis Seite 50 mit der Frage, wie die Alten – Griechen und Römer – den Tod darstellten: nach Homer als Zwillingsbruder des Schlafes, als Jüngling mit überkreuzten Beinen und Flügeln, Amor zum Verwechseln ähnlich. In der Hand halte er eine nach unten gerichtete verloschene Fackel. Zuweilen sei er zudem mit einem Kranz oder Schmetterling ausgestattet. Mit dem Kranz hätten die alten Griechen ihre Toten geehrt, der Schmetterling stehe für die Seele des Verstorbenen. Mehrere Kupferstiche sollen die These belegen. Lessings Auffassung von Religion und Ästhetik mündet in dem Satz: „Nur die mißverstandene Religion kann uns von dem Schönen entfernen: und es ist ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt“ (Lessing-Kat. Wolfenbüttel 186). – Auf dem Titel verso eine längere zeitgenöss. handschriftl. Eintragung zum Thema. Eigenhändiger handschriftl. Besitzvermerk von Gustav Milchsack auf dem Innendeckel. Milchsack (1850-1919) war als Nachfolger Otto von Heinemanns ab 1904 bis zu seinem Tod langjähriger Leiter der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Exlibris Alexander Schippan. – Vereinzelt Bräunungen, anfangs kleiner, schwacher Fleck im Bug. Schönes, breitrandiges und unbeschnittenes Exemplar auf festem Papier. – Goed. IV 1, 417, 113; Muncker 418 f.; Rümann 641; Lessing-Kat. Wolfenbüttel 186; Borst 201.
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